Hilfsregeln sind Einladungen, keine Gesetze.
Leitung, Thema und Struktur bleiben unverzichtbar.TZI ist für mich keine Technik, sondern Haltung und Methode.
Heute verstehe ich das ICH als ganze Persönlichkeit, das WIR als Qualität der Beziehungen und den Kontext als Rahmen mit Möglichkeiten und Grenzen.
Die Grundidee von Ruth C. Cohn ist zeitlos: ein menschenwürdiges Miteinander.
War früher das ICH zentral, ist es heute das WIR – angesichts unserer gesellschaftlichen und globalen Herausforderungen.
Mein Reden von/über TZI 1975 und heute
von Dietrich Redecker D.R.: Pfarrer i.R. * Graduiert für die Lehre der TZI (Ruth Cohn Institut) Supervisor (DGSv) Meditationslehrer (Via Cordis)
In einem Gespräch wurde ich gefragt, ob es einen Unterschied zwischen früher und heute gäbe, wie ich TZI anderen Menschen erläutere. Ich konnte in der Kürze der zur Verfügung stehenden Zeit nur Andeutungen machen, wie ich das in der Frage zugrunde liegende Problem bearbeiten würde. Hier einige Gedanken dazu, ob und wo ich Veränderungen heute gegenüber dem Anfang von 1975 sehe.
Zunächst, wie war das am Anfang? In meiner Erinnerung taucht auf, dass ich mich 1975 zu einem Kurs bei Dietrich Stolberg angemeldet habe, der für Pfarrerinnen und Pfarrer in Westfalen ausgeschrieben war.
Der TZI-Kurs hatte das Thema: „Gruppen leiten unter Berücksichtigung der Person, der Gruppe und der Aufgabe“.
Im Umgang mit Gruppen hatte ich damals schon viel Erfahrung. Diese Erfahrungen vom „Dienst der Kirche an den Schulen“ und der Mitleitung von vielen Seminaren der Akademie in Iserlohn und häufig auch im Jugendhof in Vlotho waren kurze Zeit zuvor vom Akademieleiter und mir in einem Heft zur Tagungsdidaktik im Hausdruck der Akademie veröffentlicht worden.
Daher interessierte mich der Kurs mit dieser Ausschreibung. Also nahm ich teil. Gegen Schluss des Kurses konfrontierte mich Dietrich Stolberg mit dem Satz: „Ich weiß, wie du arbeitest, was du machst, was du in bestimmten Situationen sagst, aber ich weiß nicht, was der Dietrich Redecker dabei fühlt und denkt.“ – Das saß!!
Ich wurde neugierig und besuchte weitere Kurse.
Ergebnisse der folgenden Kurse formuliere ich etwa so: es geht beim ICH in der TZI nicht nur um mein Wissen, meine Erfahrungen, meine plötzlichen Einfälle und momentanen Gefühle, sondern im ICH ist „das Werden meiner Persönlichkeit“ (Rogers) präsent und wirksam.
Ich nahm Kontakt zu dem gerade gegründeten Verein für TZI im Rheinland auf und wurde Mitglied.
Bestechend fand ich, dass es „bei TZI“ immer um jeden einzelnen Menschen in der Gruppe, um mich als Menschen und nicht nur um die Sache geht, wenn wir miteinander in der Gruppe zusammenarbeiten.
Auch wurde mir wichtig: jede Gruppensitzung hat neben der Leitung ein wohlformuliertes Thema und eine eigene Struktur,
Darüber hinaus lernte ich das „Vier-Faktoren-Modell“ bei Planung und Analyse als gutes hilfreiches Werkzeug kennen und in Ansätzen zu benutzen.
Die Bedeutung von Postulaten und Axiomen erschloss sich mir im Lernprozess immer mehr.
In den Anfangsjahren wurden die Postulate oftmals als Verhaltensregeln bzw. -forderungen eingeführt und beachtet.
Ich habe damals etliche Papiere in die Hand bekommen, auf denen die „Hilfsregeln“ und die Postulate wie Forderungen abgedruckt waren.
Störungen haben Vorrang, hieß es da und viele Teilnehmende meinten: ich habe -als Leiter – sofort inne zu halten und die Störung zu bearbeiten. Bei solchem Verständnis können die Postulate zu „Machtspielen“ verleiten, was auch oftmals geschah.
Man konnte auch hören: „Ich melde eine Störung an.” Als dieser Satz einem Graduierten bei einer Gruppensitzung auf die Nerven ging, sagte er nur „bitte“ und machte weiter. Damit wollte er deutlich werden lassen, dass dieser Satz Unfug sei. Es geht nicht um das Anmelden einer Störung, sondern um die Berücksichtigung einer Störung, die die Teilnehmer davon fernhält, dem Gang des Gespräches zu folgen.
Einige Gedanken sollen den „Hilfsregeln“ gewidmet werden, weil sie damals (und noch bis heute!!) von manchen Menschen als wichtiges bzw. wichtigstes Merkmal der TZI galten.
Dazu ist es hilfreich, wenn man sich noch einmal den Artikel Nummer 9 „Zur Grundlage des themenzentrierten interaktionellen Systems“ im Buch „Von der Psychoanalyse zur Themenzentrierten Interaktion“ (Seite 120 folgende) vornimmt.
Ruth C. Cohn hat sehr klar formuliert, welchen Wert sie auf Axiome und Postulate legt, und dass die Hilfsregeln eine Unterstützung sein können („Sie helfen, wenn sie helfen“ so Ruth). Sie gehören nicht zur Basis der TZI, sondern sind Konsequenzen eines Handelns gemäß den Axiomen und Postulate.
Die Hilfsregeln wurden und werden (bei TZI-unerfahrenen Gruppenleitenden) etwa so eingeführt: „Wir halten jetzt eine Sitzung nach TZ I“ und dann wurden/werden die Hilfsregeln an die Wand gehängt. Sie gelten in solchem Kontext oftmals als Gesetz der Kommunikation. Dadurch wurde/wird zum Beispiel aus der Einladung „Sprich bitte per ich, damit ich weiß, was DU meinst“ ein Befehl. Im Gegensatz zu solchen Missverständnissen soll mit dem Satz eine Ermutigung ausgedrückt werden: Du bist interessant!
Ruth C. Cohn sagte dazu in einem Gespräch: Die Hilfsregeln wie ein Gesetz des Handelns zu nehmen, sei eine Korrumpierung von TZI!!!
Die Axiome waren mir als Basis für meine gesamte Arbeit lediglich in ihren Formulierungen neu, ruhen sie doch auf dem Menschenbild, das ich als Pfarrer für selbstverständlich halte, auf das ich letztlich ordiniert bin.
In der Rückbesinnung stelle ich fest:
Das Wort „ICH“ im 4-Faktoren-Modell ersetze ich heute oftmals durch das Wort „Persönlichkeit“. Ich sehe im ICH nicht nur momentane Gefühle und Gedanken wirksam – wie man damals oft hören konnte – sondern wie die gesamte Person mit allen in ihr gespeicherten Erlebnissen, Erkenntnissen und Wirkungen agiert.
Entsprechend haben sich meine Einstellungen auch zu den anderen Faktoren weiterentwickelt.
Hier nur so weit: unter WIR verstehe ich heute: Die Beziehung von Gruppenteilnehmer*innen untereinander, bzw.,: was fördert/ hindert die Menschen im gemeinsamen Arbeiten? Welchen Titel hat das Miteinander offen und agiert? Usw.
Eine TZI-Sitzung zeichnet sich aus durch „Leitung, Thema und Struktur“ und etliche Male hörte ich, wie von Teilnehmenden argumentiert wurde, dass Leitung nicht notwendig wäre. Das Miteinander liefe in ihren Gruppen auch ohne Leitung positiv.
In etlichen gruppendynamischen Workshops habe ich die Auswirkungen mit dem Fehlen von Leitung erfahren können. Auch wenn sich am Anfang einer Sitzung keine Leitung zeigt, so bildet sich nach recht kurzer Zeit doch eine Leitung der Gruppe heraus.
Und wenn kein Thema genannt wird, werden im Prozess des Miteinanders in der Regel etliche Themen agiert, wobei auch das Thema Macht eine wichtige, meist heimliche Rolle spielt.
Ich halte fest: Leitung, Thema und Struktur gehören klar zu TZI-geleiteten Sitzungen.
Ich habe heute oftmals den Eindruck, als ob es eine gewisse Angst gibt, Leitung zu übernehmen und auszuüben. Es wird für mich zu viel von Moderation geredet, wo Leitung angebracht wäre. Oftmals erlebe ich, dass bei Moderation niemand die Verantwortung für den Gruppenprozess bzw. für einen Ergebnisprozess übernimmt. Das ist bedenklich
Die Axiome, die Postulate und das Vier-Faktoren-Modell haben – je nach Kontext – ihren besonderen Wert für ein Leben in einer Gruppe.
Manchmal erlebte ich Auszubildende in TZI kurz vor dem Diplom, die mit dem „Vier-Faktoren-Modell“ wenig anfangen konnten. Sie betonten, es käme vornehmlich darauf an, auf das humane Miteinander zu achten, dass sich die Teilnehmer des Seminars wohlfühlten und lebendig lernten. Auf die Frage, was sie unter „wohl fühlen“ und „lebendig“ verstehen, bekam ich Etliches aus der Theorie benannt, aber etwa die Mühen zum Erreichen eines vorgegebenen oder notwendigen Arbeitszieles habe ich selten formuliert gehört.
Der Rahmen eines Treffens (Arbeit als Lehrende in der Schule, bei der Leitung von Produktionsprozessen usw.) wurde von Matthias Kröger als „kleiner Globe“ und von mir als „Kontext“ benannt.
Ich habe bei Supervisionen von TZI-Gruppen oft vermisst, vom Kontext, in dem dieses Miteinander stattfindet, d.h. von seinen Möglichkeiten und Grenzen zu erfahren: Wie ist das „Spielfeld“ definiert, auf dem unser Miteinander jetzt geschieht, auf dem die Faktoren Ich-Wir-Es in dynamischer Interaktion sind? Das hat Ruth C. Cohn in einem anderen Aufsatz in dem genannten Buch dargestellt (Seite 206).
Matthias Kröger benannte den Rahmen, in dem sich Menschen begegnen und arbeiten den „kleinen Globe“, um den Bedingungsrahmen sprachlich präziser zu benennen. Das Wort „GLOBE“ enthält zu viele Bestimmungsvarianten, die für eine Gruppenleitung kaum zu fassen sind.
Ich benenne diesen Bedingungsrahmen einer Zusammenkunft (von Geburtstagsfeier bis Unterrichtsstunde oder Teamsitzung usw. mit dem Wort Kontext. Damit meine ich dann die Bedingungen und Zusammenhänge (Möglichkeiten UND Grenzen) eines Treffens (Gesetzesvorgaben, Zeit, Raum, Klima, usw.).
Wenn ich heute TZI einführe, dann benenne ich je nach Kontext die Faktoren anders, weil sie in den ursprünglichen Vokabeln häufig kaum zu verstehen sind. (s.o.) Es würde lange Zeit benötigen, um sie gebührend zu erläutern.
Ich sage dann eher: Kommunikation geschieht am besten „in einem gleichwertigen Miteinander von Persönlichkeit, den Beziehungen der Beteiligten, der Aufgabe und einem ermöglichenden und begrenzenden Kontext“ und füge hinzu, dass es darüber hinaus noch einen Bereich weiterer Einflussfaktoren gibt, der „Globe genannt wird.
An dieser Stelle würde ich gerne noch weiter diskutieren.
Beispiel: Die Bedeutung des Dreiecks „Struktur – Prozess – Vertrauen“, Prozessbegleitung vs. Prozessleitung, Persönlichkeitsstruktur und ihre Auswirkung bei der Leitung und der Lehre usw.
Schluss: Ich bin immer wieder darüber überrascht, wie selbstverständlich es für mich im Miteinander von Menschen geworden ist, die TZI anzuwenden. Geht es um die Planung einer Aktion, taucht in mir sofort das 4-Faktoren-Modell auf,
beginnen sich Störungen abzuzeichnen (meistens fühle ich mich innerlich unwohl), taucht sofort die Frage auf: was läuft hier (nicht), was wäre jetzt nötig, um zu einem ausbalancierten Miteinander zu kommen? Erst wenn mir das klar ist, kann ich mit einem entsprechend formulierten Satz intervenieren.
TZI ist keine Technik, sie ist Haltung und Methode, und beides gehört zusammen.
Die Grundidee von Ruth Cohn ist für mich die gleiche wie am Anfang vor 50 Jahren. Es geht um ein menschenwürdiges Miteinander auf der Basis der Axiome. Zeigte sich damals die Frage nach dem ICH als besonders wichtig, zeigt sich heute die Frage nach dem WIR im Kontext unserer klimatischen und weltpolitischen Notwendigkeiten und Gegebenheiten als besonders herausfordernd.
Brauchen wir dazu einen Verein?
Damals habe ich schon dafür gekämpft, dass es nötig ist, um die Grundidee von Ruth zu leben und zu verbreiten, ein entsprechendes Gefäß (Struktur) zur Verfügung zu haben. Dazu gibt uns das Vereinsrecht die Möglichkeit, die allerdings auch einige Begrenztheiten mit sich bringt.
Dass dieses Gefäß in seiner Gestaltung einer jeweiligen Zeit dynamisch angepasst werden muss, ist selbstverständlich.
Oft habe ich mitgestaltet.
Jetzt, mit bald 88 Jahren kann ich das Geschehen um und mit TZI nur noch betrachtend wahrnehmen. Dabei bleibt auch hier das wichtig, was ich mit dem Geschriebenen erreichen wollte:
Es gilt, ein wertschätzendes Miteinander zu fördern und dann die notwendigen Aufgaben mit den Menschen einer interaktionellen Gruppe zusammen so lebenswert und effizient wie möglich zu lösen.